lamsil_crew
Die Kräfte verlassen uns bei hoher Luftfeuchtigkeit und gleichzeitigem Nieselregen – click photo for bigger size.

Im September 2007 flog ich zum ersten Mal alleine nach Übersee. Ich wollte mit einem Rucksack Vietnam bereisen, von Hanoi bis Ho-Chi-Minh-Stadt. Schon am zweiten Tag traf ich während einer Sightseeing-Tour zur Halong Bay auf den US-Amerikaner Jeff. Er überzeugte mich, meinen Plan über Bord zu werfen: „Lass uns die Pfade verlassen, die eine Armada von Reisenden ausgetrampelt hat“, lockte er mich.

Ich folgte ihm in den Nordosten von Laos, wohin sich kein anderer Ausländer verirrte – bis auf Jo, eine junge Australierin. Zu dritt saßen wir in Muong Khua fest, einem größeren Ort am Nam Ou, dem “Reisschüsselfluss”. Der Monsun hatte dafür gesorgt, dass die Straßen von Schlammlawinen bedeckt und unbefahrbar geworden waren. Zwei Tage später kauften wir einem alten Fischer ein ausrangiertes Langboot ab, um durch den Dschungel flussabwärts nach Süden zu paddeln.

„Wir nennen es LAMSIL“, lallte Jo am Abend vor unserem Aufbruch. Mit Lao-Lao, dem laotischen Reisschnaps, tranken wir uns Mut an. Keiner von uns hatte zuvor ein Boot gelenkt. Schlimmstenfalls würden unsere Rucksäcke und das Boot dem Fluss zum Opfer fallen, beschlossen wir. Wir konnten schließlich alle schwimmen. „LAMSIL, das steht für Loosing All My Shit In Laos“, erklärte Jo. Unser Boot hatte einen Namen. Durch das viele Regenwasser war der Nam Ou gefährlich angeschwollen. Gleich die erste Stromschnelle erfasste unser Boot, machte es manövrierunfähig und brachte es fast zum Kentern. „Paddeln, paddeln, paddeln!“, schrie Jo hysterisch, während Jeff leise fluchte und ich panisch mit dem Paddel nach Grund stocherte. Mit dem Schrecken und unserem Gepäck kamen wir davon – wir hatten die erste Aufgabe als Bootsbesitzer gemeistert, wenn auch ohne Bravour.

Vier Tage paddelten wir in sengender Hitze durch reißende Stromschnellen und tropischen Platzregen, durch dichtbewachsenen Dschungel voller brüllender Affen, kreischender Vögel und zirpender Zikaden, summender Moskitos und lautloser Schlangen. Dann waren wir am Ziel – Muong Ngoi, mit seinen zahlreichen Gasthäusern, Hängematten und darin baumelnden Rucksackreisenden. Was uns jedoch in den verschiedenen Dschungeldörfern, in denen wir zwischen Muong Khua und Muong Ngoi haltmachten, widerfuhr, hätte ich mir vor meiner Reise nach Südostasien nicht träumen lassen.

Wir schluckten braunes Wasser und küssten gelben Sand, spielten Billard auf einem selbstgezimmerten Tropenholztisch, verloren unsere Kleidung an streunende Hunde, trafen auf Kinder in zerschlissenen Hemden, die mit Steinschleudern bewaffnet ihr Dorf verteidigten; wir schliefen bei Bauern- und Fischerfamilien auf staubigen Holzböden, kochten auf Feuerstellen, duschten unter Wasserfällen, lachten und tanzten mit den Einheimischen; bei Vollmond tranken wir ein ganzes Dorf unter den Tisch; wir kauften eine Ente bei einer hundertjährigen Frau und verzehrten während einer feierlichen Zeremonie zu unseren Ehren das Blut des Tiers; Dr. Lao heilte uns von all unseren Krankheiten; wir kommunizierten mit Händen, Füßen und einem Lächeln; uns wurden frittierte Heuschrecken, lebende Maden und gegrillte Katze gereicht; unsere Gedanken kreisten um Sonnenschutz oder die Frage, wie wir uns auf einem kanuartigen Boot erleichtern konnten, ohne die anderen Insassen anzupinkeln; wir litten an Hunger, Durst und Völlerei, hatten spröde Lippen und aufgeweichte, runzlige Finger; wir wurden argwöhnisch beäugt, neugierig berührt und liebevoll umarmt; Der Nam Ou wurde unser Zuhause und der laotische Urwald unser Abenteuerspielplatz; Jeff verliebte sich in Jo und Jo verliebte sich in Jeff; Keilana, die Tochter des Bürgermeisters von Sop Kinh, trug mir die Heirat an. Nichts, was vorher gewesen war, interessierte uns mehr. Wir wollten im Fluss bleiben.

Als der Nam Ou uns zu unserem Ziel trug, waren wir am Ende unserer Kräfte, aber erst am Anfang einer Erkenntnis: Diese vier Tage auf dem Reisschüsselfluss Fluss würden unser Leben verändern.

( Prolog aus “Journeyman – 1 Mann, 5 Kontinente und jede Menge Jobs” )


muong_khoua
Wir sitzen fest in Muong Khoua – click photo for bigger size.

jo_lamsil
Jo beim Probesitzen in unserem “neuen” Boot- click photo for bigger size.

lamsil
Jetzt ist es offiziell. Das Boot hat einen Namen. Es gibt kein zurück mehr. – click photo for bigger size.

jo_jeff_erschoepfung
Schon nach kurzer Zeit merken wir, dass diese Tour richtig anstrengend wird – click photo for bigger size.

jo_jeff_lamsil
Die Sonne steht tief. Wir müssen anhalten, um einen Schlafplatz zu finden. – click photo for bigger size.

village_kid
Empfang mit Steinschleudern im ersten Dorf – click photo for bigger size.

village_kids_jo_jeff
Kurz darauf dann doch ein herzliches, wenn auch zurückhaltendes Willkommenheißen – click photo for bigger size.

dr_lao
Dr. Lao bringt uns nach Sop Kinh ein kurzes Stück Flussaufwärts. Dort sollen wir mit der Dorfgemeinde Das Vollmondfest feiern – click photo for bigger size.

sop_kinh_village
Nix los auf der Dorfstraße. Die Feier findet wohl in den Häusern statt. – click photo for bigger size.

sop_kinh
Die Dorfjugend isst und betrinkt sich am Vollmondmorgen. Gegen 09:30 werden wir halbwegs volltrunken zum Frühstück beim Bürgermeister eingeladen – click photo for bigger size.

erschopfung
Am letzten Tag lassen wir uns fast nur noch treiben. Die Kräfte reichen nicht mehr aus um weiter zu paddeln. – click photo for bigger size.

selling_boat
In Muong Ngoi angekommen entscheiden wir uns das Boot zu verkaufen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiterzureisen. Jo hat sich eine Grippe eingefangen und auch Jeff und ich haben keine Kraftreserven mehr. Wir kauften LAMSIL für 90 US$ und verkaufen es zurück an einen Fischer für 60 US$ – click photo for bigger size.

Eine Slideshow der gesamten Reise durch das ehemalige Indochina.


  • Share/Bookmark