Journeyman on Berlin train
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Wie fühlt sich das eigentlich an mit offener Hand durch die Waggons der Berliner Ubahn zu laufen und um ein bisschen Kleingeld zu bitten, zu betteln, zu schnorren? Egal wie man es nennen mag, ich versuche mir oft vorzustellen wie sich diese Leuten fühlen, die jene Art des Geldverdienens als einzige Chance begreifen sich am Leben zu halten.

Ich stand letztens vor einem Karton mit Freiexemplaren meines Buchs, denn mit jeder Neuauflage bekomme ich immer ein paar Exemplare für den Eigengebrauch geliefert. Da kam mir der Gedanke für ein kleines Sozialexperiment. Wie würden die Fahrgäste darauf reagieren, wenn ich mein Buch dort verkaufe, für einen guten Zweck? Würden Sie es als leichter empfinden mir etwas zu geben, als Mittelsmann, anstatt den Menschen in Not direkt? Ich sollte es herausfinden.

Die letzten Wochen und Monate stand ich regelmäßig vor Menschenansammlungen, um über meine Reise zu berichten oder aus dem dazugehörigen Buch vorzulesen. Ich bin mittlerweile nur noch leicht aufgeregt, da ich durch die Wiederholung natürlich selbstbewusster werde. Dieses Selbstvertrauen wollte ich auch mit in die Berliner Ubahn nehmen, textsicher und redegeprobt meine wohl gewählten Zeilen vortragen:

Hallo zusammen,

ich heiße Fabian und habe vor einiger Zeit diese Reiseerzählung ( zeigen ) mit dem Titel „Journeyman“ geschrieben, die sich nun seit einigen Wochen auf der SPIEGEL Bestsellerliste befindet. Da ich mit jeder Neuauflage auch ein paar Freiexemplare zugeschickt bekomme, dachte ich mir, anstatt diese einfach nur zu verschenken, etwas sinnvolles damit anzustellen. Also verbringe ich den heutigen Tag in der Berliner Ubahn und versuche so viele Bücher wie möglich gegen eine Spende von 15 € zu tauschen. Da der Winter wieder nach Berlin zurückkehren wird, will ich den Erlös an den Kältebus der Berliner Stadtmission spenden, damit dieses Jahr kein Obdachloser auf unseren Straßen erfrieren muss.

Würde mich sehr freuen, wenn Sie bei der Aktion mitmachen. Gerne schreibe ich auch eine Widmung ins Buch.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und eine angenehme Weiterfahrt.

Wieviel Bücher würde ich verkaufen? Vielleicht nur wenige, vielleicht kein einziges, vielleicht alle 15 Exemplare innerhalb einer Stunde? Alles möglich und daher würde mich auch ein Fehlschlagen der Aktion nicht aus dem Tritt bringen. Doch eine Sache hatte ich vergessen: Zu meinen Lesungen und Vorträgen kamen Menschen, die genau deswegen dort waren, nämlich um mir zuzuhören.

Zwei Stunden lang sagte ich in der U1 und U6 den Text auf. Von der Warschauer Straße bis zur Uhlandstraße und zurück, über den Kotti bis nach Wedding, mit kurzen Verschnaufpausen auf den Bahnsteigen. Nicht nur, dass ich kein einziges mal den „Journeyman“ an einen neuen Besitzer übergeben konnte; nach diesen zwei Stunden wollte ich mich am liebsten in mein Zimmer einschließen und, die Bettdecke bis zum nächsten Tag über den Kopf gezogen, unsichtbar bleiben.
Das Schlimmste ist nicht, dass ich keine Bücher verkaufen konnte, denn das hatte ich einkalkuliert. Aber das Gefühl vor Menschen zu stehen, die einen missachten, keines Blickes würdigen, hat bei mir eine Hilflosigkeit ausgelöst, die unangenehmer kaum sein könnte. Ich fing an zu stammeln und zu stottern. Zu allem Überfluss wurde ich immer wieder von der Stationenansage übertönt, was meinen einstudierten Text in weit gröbere Unsicherheiten zerhackte. Ich schwitzte, wurde rot und verursachte damit wohl noch mehr Fremdscham bei den Umstehenden, was zu noch mehr Missachtung für mich führte.

Zugegeben, ich saß vermutlich etwas hoch zu Ross und das Absteigen war ( wie bei allen Situationen die auf dieses Sprichwort passen ) mit allerlei Pein verbunden. Ich dachte mir, die Leute würden schon aufhorchen wenn sie hören, dass da einer vor ihnen steht, der einen Bestseller geschrieben hat.
Es war ihnen SCHEISSEGAL! Und das ist auch gut so, denn es sollte ihnen geradewegs am Allerwertesten vorbeigehen.





Ich weiß, dass ich keinen Vergleich ziehen kann zwischen mir, der Geld für einen guten Zweck zu sammeln versucht und einfach mal schauen will wie das ist, und einem Menschen, der sich dem tagtäglich ausliefert muss, um das eigene Überleben zu sichern. Dennoch, ein Fazit kann ich aus dieser Aktion allemal ziehen: Ob ich in Zukunft immer mein verfügbares Kleingeld hergebe oder nicht; Jeder dieser Menschen hat im Mindesten Augenkontakt verdient, wenn nicht sogar ein Lächeln.

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Danke an Nico für die mentale Unterstützung und die Videoaufnahmen, sowie David und Thelma, die mit einem gestellten Buchkauf einen Dominoeffekt auslösen wollten ( was leider auch nicht zum gewünschten Erfolg führte ).

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  1. Natalie on Montag 31, 2014

    Ich hätte dir ein Buch abgekauft
    (das behaupte ich jetzt, während ich daheim sitze und darin lese, nachdem es mir in einem Buchladen zufällig aus dem Regal entgegen fiel…)
    Ich glaube dein Buch hat mich gesucht und gefunden – innerlich begebe ich mich schon auf Reise, aber bisher schaue ich es mir bei anderen an und plane inwiefern es für mich wann und wie möglich sein könnte….. aber ich bin sicher auch die Reise, die ich machen muss, wird mich irgendwann finden ;-)
    Danke für die Möglichkeit ein Stück weit Deine Reise ‘begleiten zu dürfen’!

  2. fabsn on Montag 31, 2014

    Das finde ich extrem passend ausgedrückt. Ich hoffe sie findet dich in naher Zukunft :)

  3. Natalie on Montag 31, 2014

    …manchmal geht es schneller als gedacht – Job gekündigt und jetzt wird geplant….
    Ich habe diese *guten Menschen* um mich, von denen du in deinem Buch schreibst. Die haben mich in meiner Entscheidung begleitet und werden jetzt meine Reise begleiten, auch wenn ich sie alleine antrete ;-)
    Ich danke dir für die Inspiration und werde dich auf dem Laufenden halten (laufen werde ich wohl eine ziemlich lange Zeit demnächst….)

  4. fabsn on Montag 31, 2014

    Großartig Natalie !!! Ich wünsche Dir eine unvergessliche Reise und alles Gute.