Skyline
Panorama view outside my sleeping room ( click to enlarge )

2 Wochen,
2 Wochen des Loslösens, sich Vergessens.
2 Wochen des Zerbrechens und Wiederaufsammelns, des Brechens mit alten Gewohnheiten und des Sammelns neuer.

Wenn ich nicht demnächst zufriedenerweise an Reizüberflutung von Euch scheide, haben mich die ersten 2 Wochen meiner Reise schon gelehrt, dass ich nicht jünger, sondern samt aberdutzender Eindrücke rasant davonaltern werde.

Was hat mich Schanghai also sonst bisher gelehrt?
Gleich zu Anfang war da diese Sache mit meinem Pass, den ich nach einem, wie üblich schlaflosen Langstreckenflug, im Sitzbeutel meines Fensterplatzes vergaß und erst daran erinnert wurde, als ich an der Warteschlange der Passkontrolle stand.
Wie hellwach man doch plötzlich im Augenblick des Realisierens eines solchen Details ist und, trotz müdester Knochen, in windeseile zurück zum Gate zu eilen vermag. Gedanken über einen viel zu kurzen Chinaaufenthalt plagen einen innerhalb dieses 3-Minuten-Sprints, an einen überteuerten One-Way Flug zurück nach Frankfurt wegen nicht genehmigter Einreise denkt man, da das Visum natürlich vorschriftsmäßig im Pass eingeklebt wurde und an einen lächerlich gescheiterten Walz-Plan. Es schwirren parallel dazu auch Bilder im Kopf herum von diesen Flughafeneinsiedlern, den Dauergästen im quasi staatenfreihen Raum, zwischen Passkontrolle und Flugzeug, die nicht in Ihre Heimat zurückdürfen, aber auch keine Einreise am aktuellen Standpunkt genehmigt bekommen oder nicht beantragen wollen ( wie dieser, dieser oder eben jener ).

Wie lange halte ich das durch?
Wird mir ein Bett zur Verfügung gestellt, bekomme ich genug zu essen und muss ich die morgentliche Dusche am Waschbecken des öffentlichen WC’s vornehmen?

Ich erreiche das Gate, werde aber aus Sicherheitsgründen nicht zurück an Bord gelassen. Eine freundliche, seeeeehr gemächliche, fluglinienangestellte Chinesin erklärt sich bereit nachzusehen, kommt aber nach einer Zeit zurück, in der es nicht möglich gewesen wäre meinen Platz zu erreichen und den selben Weg wieder zurückzulegen, um mir am Gate sagen zu können, dass dort kein Pass liegt.
“Das kann und DARF auch gar nicht sein” erkläre ich ihr mit der Bitte, erneut und etwas genauer nachzusehen. Sie erklärt sich zu einer erneuten Inspektion bereit.
Allmählich verlässt die Crew die Maschine. Pilot und Copilot wünschen mir einen schöne Aufenthalt in Schanghai – ich nicke dankend und schürze die Lippen. Nach der Cockpit-Besatzung passiert mich im geschwätzigen Grüppchen die Kabinenbesatzung und zwei der Flugbegleiterinnen sprechen mich doch tatsächlich an. Ich erkläre die Problematik der Situation und erhalte ein Daumendrücken und zweimal einen hoffentlich schönen Aufenthalt in Schanghai.

Ich fange an mich zu fragen, ob man sich von Guten-Aufenthalt-Wünschen einen neuen Reisepass samt Visum kaufen kann, falls er nicht von mir vergessen, sondern tatsächlich von meiner mächtigen finnischen Sitznachbarin vertilgt wurde.

Die Angestellte des Bodenpersonals biegt um die Ecke. Weiterhin gemächlich und ohne einen Deut Anteilnahme flaniert sie über die Gangway, die schwarze Hüfttasche, Herberge meiner Personalien, lässig wie ein echtes Schmuckstück der Designerhandtaschenliga um die Schulter baumelnd.

Schäme ich mich ob meiner Gedanken über angehende was-wäre-wenn-Theorien und imaginärer, sarkastischer Dankesreden ans Bordpersonal?
Keinesfalls. Außer Erleichterung und wiederkehrender Ausgelaugtheit verspüre ich recht wenig.
Aber ich bin mir sicher, wäre ich hier nicht Schreiber, sondern Leser, ein wenig Fremdscham würde mich zurecht überkommen.

Eine weitere Lehre wäre die Proportion von Straßenkarte zu tatsächlicher Straßensituation, die mir mit mehr als einem Gewaltmarsch eingetrichtert werden sollte. Einmal falsch abgebogen und ehe ma sichs versieht, findet man sich resignierend in einem der Taxis Richtung eigentlichem Ziel wieder, immer darauf bedacht von keinem der anderen Westler bei diesem Faux-Pas gesehen zu werden. Auch nach zwei Wochen muss mir hin-und wieder in kleinen Lektionen bewiesen werden, dass der Besitz einer detaillierten Straßenkarte nicht automatisch eine sichere Orientierung nach sich zieht.

Hinzu kommt die Schanghaier Lehre der basisorientierten Identitätsleere.
Es ist weitaus einfacher die heimatlichen Gefilde zu verlassen mit der Gewissheit, nach einer gewissen Zeit dorthin zurückzukehren. Ohne feste Basis verliert Alles in Zusammenhang mit “Heimat” oder “zu Hause” an Bedeutung. Es bedarf einiger Zeit verstehen zu lernen, dass zu Hause das ist, was einen im Jetzt beherbergt. Sicherlich besteht weiterhin der Begriff der “Herkunft” und man ist geneigt ihn zu verwenden auf die Frage hin woher man komme, wobei mit dieser Frage eigentlich die Antwort erwartet wird wo man sich normalerweise aufhält, wenn man nicht auf Reisen ist.

Ein Verwirrspiel also, das einen dazu verleitet sich selbst etwas vorzumachen. Aber es erleichtert einem die Sache, macht es erträglicher mit der Basislosigkeit umzugehen. Im Grunde unterscheide ich mich gar nicht derart von jenen unbefristeten Flughafeneinsiedlern und es gibt durchaus Tage, da könnte mir ein “Yeah” über diese Tatsache verloren gehen.

YEAH
fabsn

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  1. ann on Mittwoch 10, 2010

    wow, sehr schön geschrieben herr fabsn,
    ich hoffe dir geht der mut und die freude trotz oder grade wegen der gefühlten basislosigkeit nicht flöten, ist es doch oft eben diese unsicherheit, die sich so verdammt gut anfühlt.
    hell, yeah! grüße aus amsterdam in die ferne

  2. haijie on Mittwoch 10, 2010

    foto is sehr prägnant, typische Fabsn´s astetik. aber shanghai ist sicherlich nicht so dezent… verasch mich nicht, I am a Local!

    text ist mir schwer zu lesen, da zu viel Konfuzius darin steckt, also, respekt.

    ok, show me the real shanghai. gut das du nicht die one-way- ticket vor passkontrolle kaufen muss.

    c yeah.

    H.J.

  3. fabsn on Mittwoch 10, 2010

    Dank Dir Ann. Ich wünsch Dir ein zügiges Frühlingserwachen in Holland.

    Haijie, harrr…Dir kann man nix vormachen. Alles was unterhalb dieser Häuser liegt ist natürlich Gewusel und ganz und gar nicht dezent.

  4. max.hard on Mittwoch 10, 2010

    ai fabel my man,
    danke nochma für die geburtstags glückwünsche. hört sich verdammt spannend an was du grad erlebst. der herr der basis(zumindest denkt er es wäre so) bekommt ein wenig fernweh und den wunsch nachzureisen… Bin gespannt wohin dich die Schanghaier Lehre der basisorientierten Identitätsleere führen wird. hab im übrigen mit meiner ich lauf im kreis askese begonnen, nur noch 38 tage, yeahh. dank ipad allerdings problemlos zu überstehen…
    hoffe dir ergeht es gut und die lehre verläuft positiv

    fiesta,fiesta,siesta, fiesta

    ahoi maxn